Viel Glück und viel Segen!

Frau mit glücklichem Gesicht, Lichter in den Händen haltend.

Viel Glück und viel Segen wünschen wir uns gegenseitig und für uns selbst – im Stillen, im Gebet oder ganz ritualisiert an hohen Feiertagen. Aber was ist Glück eigentlich? Wie finde ich mein Glück? Oder ist Glück nicht erzeugbar und fällt den Glückspilzen unter uns einfach so in den Schoß, quasi als unverdiente Schicksalsfügung?

In der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 wird ein „Pursuit of Happiness“ proklamiert. Also die Feststellung, die US-Bevölkerung habe gegenüber der Regierung ein verfassungsmäßiges Recht auf das staatliche Verfolgen ihres Glückes. Die 11 Jahre später verabschiedete US-Verfassung trägt dieses Selbstverständnis als Grundstein des amerikanischen Denkens: Jeder ist seines Glückes Schmied; und somit hat jeder nicht nur das Recht, sondern auch die Verpflichtung, sich aktiv und selbstbestimmt darum zu kümmern.

Stimmt das so? Ist für einen so dehnbaren Begriff Verantwortung möglich? Gibt es Normen für Glück, die für alle gelten? Wie groß oder klein muss Glück sein, um zu genügen? Wie steht es mit der Behauptung Des einen Glück, des anderen Leid? Wo liegt meine soziale Verantwortung, nur beim eigenen oder beim kollektiven Glück? Kann man überhaupt vorher wissen, was einen glücklich macht, oder muss man das immer erst erleben? Sind wir als Menschen dazu geboren, glücklich zu sein, und können wir damit umgehen?

Kein Wunder, dass sich schon damals, und heute noch viel mehr die Wissenschaft, die Politik, die Kunst, die Populärwissenschaft und natürlich die Psychotherapie mit der so genannten Glücksforschung befassen. Zahllose Wissenschaftler und Autoren, Aufsätze, Abhandlungen, Ratgeber und Online-Glücks-Sammlungen beschäftigen sich mit dem Glück und mit der Suche nach ihm – mit wachsender Begeisterung. Im diesjährigen World-Happiness-Report 2019 wurde Finnland als das Land mit den zufriedensten Menschen ermittelt.

Doch was ist das Rezept? Welcher Weg führt zum Glück?

„Ich glaube, dass die Fantasie stärker ist als das Wissen, dass der Mythos überzeugender ist als die Geschichte, dass Träume mächtiger sind als Tatsachen,dass die Hoffnung immer über die Erfahrung triumphiert, und ich glaube, dass die Liebe stärker ist als der Tod.“ – Robert Fulgham

Bald ist Weihnachten, und da wünschen wir uns natürlich wieder ein „Frohes Fest“ und später ein „Frohes neues Jahr“. Hilft es, sich Glück zu wünschen? Gehört das Wünschen mit zu meiner Verantwortung? Oder tritt ob der hohen Erwartungen eher das Gegenteil ein?

Im therapeutischen Alltag könnte man genau diesen Eindruck bekommen. Wer ständig ein Augenmerk darauf hat, wie gut die Dinge laufen, ob Ziele erreicht werden, wie man behandelt wird von anderen, ja, ob man eigentlich wirklich glücklich ist, wird oft enttäuscht. Manchmal scheinen sich Glück und Zufriedenheit, wenn sie verstandesmäßig permanent seziert werden, geradezu in Luft aufzulösen. Es gibt ja immer ein Haar in der Suppe, und was wäre eigentlich, wenn? Könnte ich dann heute nicht viel glücklicher sein?

Andererseits treibt der resultierende Leidensdruck vielleicht zu längst notwendigen Maßnahmen an, die besser oder schneller zum subjektiven Glückszustand führen. Kleine Veränderungen können viel bewirken.

Was also tun, was ist das Richtige? Was ist der richtige Umgang mit meinen Glücksbedürfnissen, wenn ich sie denn erkannt habe: Hinnehmen oder handeln?

Ich könnte mir vorstellen, beim glücklich Werden und Bleiben hilft uns Weisheit. Die Weisheit, sich beide Wege offenzuhalten: Auf der einen Seite das Aushalten auch unerfüllter Wünsche und Hoffnungen, und auf der anderen Seite die Option zu tun, zu kämpfen und zu streben.

„Ich wünsche mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Die Akzeptanz gegenüber der eigenen Möglichkeiten als auch Grenzen macht zufriedener. Und ist nicht genau das ein Glücksfall, wenn Dinge außerhalb unserer Kontrolle gut gehen, und so viel auf dieser Welt auch ohne unser Zutun gelingt – oder sogar noch besser! Glück gehabt!

Zum Jahresabschluss nun ganz traditionell: Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr wünsche ich von Herzen allen Lesern.