Mein inneres Team und seine Spielregeln

Mysteriöse Dame in der Natur mit Hut, die aussieht wie ein unbekannter Anteil im inneren Team meiner Persönlichkeit.

Unter den zahlreichen Therapieansätzen hat sich in der jüngeren Zeit eine bestimmte Betrachtungsweise zur menschlichen Psyche zunehmend durchgesetzt. In den konventionellen Richtlinienverfahren genau wie in alternativen, etwa systemischen und neueren Therapiemethoden – immer mehr spricht dafür, dass die menschliche Persönlichkeit grundsätzlich aus verschiedenen Anteilen (englisch „parts“) oder einem Inneren Team besteht, worüber sich der Einzelne in der Regel gar nicht oder zum Großteil subjektiv nicht bewusst ist.

Noch ist es den wenigsten Laien geläufig, dass statt dem festen Charakter, den wir uns zuschreiben, etwas viel Komplexeres und Dynamischeres aus uns wirkt, was eher einer bunten Truppe gegensätzlicher Einheiten gleicht als der einst unterstellten konstanten Persönlichkeit.

Der Begriff des „inneren Kindes“, der immerhin mittlerweile vielen bekannt ist, ist ein Beispiel für einen so gemeinten Anteil. Das Innere Kind repräsentiert einen regressiven Persönlichkeitsanteil, der noch immer in der Realität der tatsächlichen früheren Kindheit lebt. Dementsprechend hegt es (damals angemessene) Hoffnungen und Ängste und agiert diese in der Gegenwart des zwischenzeitlich Erwachsenen aus, was sich natürlich als störend und inadäquat auswirkt.

Angenommen, die eine kontinuierliche Antriebsfeder oder Quelle für unser Fühlen und Handeln gebe es also gar nicht – plötzlich wird so einiges schlüssig. Es könnte erklären, weshalb die meisten Menschen verschiedene Stimmungen, Launen und Tagesformen haben (ego states, Ich-Zustände). Manche sprechen von regelrechten emotionalen Achterbahnen. Auch, warum wir uns mit unterschiedlichen Gegenübern unterschiedlich wohl fühlen oder verschiedene Seiten an uns zutage treten. Sie erklären innere Konflikte. Und, weshalb wir uns in quasi identischen Situationen anders verhalten als letzte Woche oder vor acht Jahren.

Die Theorie der inneren Anteile, oft auch Ich- oder Selbst-Anteile genannt, geht in einem weiteren Schritt davon aus, dass es darüber hinaus eine bestimmte Art und Weise gibt, wie diese inneren Anteile miteinander interagieren. Organisationsgrad und Qualität des Zusammenspiels der Anteile sei von Person zu Person unterschiedlich. Beim einen spielt das Innere Team gut zusammen, die Anteile unterstützen sich gegenseitig und gleichen sich aus. Beim anderen herrscht Chaos, Gewalt oder überhaupt keine Kommunikation.

Nun klingt diese Theorie für Laien oder für Therapeuten mit strikter methodischer Geschlossenheit womöglich abwegig oder zumindest ein wenig abenteuerlich. Nachvollziehbar, so lange man nicht selbst in der Arbeit mit Betroffenen Entsprechendes erlebt hat, etwa mit der Methode des voice dialogue. Die Vertreter der parts psychology wie Kathy Steele oder Artho Stefan Wittemann sehen einen wichtigen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der interaktiven internen Struktur einer Persönlichkeit und ihrer psychischen Gesundheit.

Womöglich lässt sich auch diese Theorie ein Stück weit wieder auf die Erkenntnisse unseres guten Altvaters Freud zurückführen, der in seinem „Strukturmodell der Psyche“, auch als Drei-Instanzen-Modell bekannt, bereits 1923 das „Ich“ als Vermittlerinstanz zwischen dem Über-Ich und dem Es betrachtete (Sigmund Freud, Das Ich und das Es., Leipzig 1923).

In diesem überschaubaren Trio soll also die Ich-Instanz zwischen dem primitiven, lustbetonten Es und seinen Impulsen und dem rationalen, werteorientierten, gesellschaftlich angepassten Über-Ich so vermitteln, dass der erwachsene Mensch im Rahmen der gesellschaftlichen und sozialen Anforderungen bleibt, ohne sozusagen den Spaß am Leben und seine wichtigen Urmensch-Skills zu verlieren. Bildlich gesprochen vermittelt das Herz zwischen Kopf und Bauch und wird wahrscheinlich dadurch zu vorteilhafteren Entscheidungen finden als es die beiden anderen einzeln je könnten.

Auffällig wurde die Existenz verschiedener Anteile in unserer Psyche in der Arbeit mit der früher so benannten Multiplen Persönlichkeit, fälschlicherweise lange Schizophrenie genannt. Bei schwer traumatisierten Patienten kommt es vor, dass sie zwischen zwei oder mehreren Persönlichkeiten hin- und herpendeln, scheinbar unfreiwillig. Frappierend sind die schweren Fälle, bei denen die eine Persönlichkeit bzw. Anteil überhaupt nichts von der anderen weiß, auch nicht, was sie in der betreffenden Zeitspanne des Agierens getan hat. Diagnose: Strukturelle Dissoziation.

Natürlich bekommen solche Leute Probleme – am Arbeitsplatz, in der Beziehung, überall, wo sie in Kontakt mit „gesunden“ Menschen und deren Erwartungen sind. Allerdings sind die Grundprobleme, meist in der frühkindlichen Entwicklung verursachte Traumata, erstmal, unbehandelt, noch viel schwerer zu ertragen. Die traumatischen Erinnerungen komplett abzuspalten und somit seelisch überleben zu können, ist die Funktion der isolierten Persönlichkeitsanteile, von denen das bewusste Ich nichts mehr weiß und wissen will. Schmerz und Angst werden als einfach zu groß erlebt und deshalb um jeden Preis vermieden.

Nun scheint es aber bei allen Menschen jedenfalls verschiedene einzelne Anteile zu geben, die in der Psychotherapeutischen Praxis auch tatsächlich einzeln und als Team behandelbar sind. Die Entdeckung der parts und ihre Interaktionen hat uns wieder einen Meilenstein für unsere Arbeit und den Patienten Hoffnung auf gute Behandlungsmöglichkeiten geschenkt. In jedem Fall eröffnet sie uns sehr interessante Einblicke in die Existenzweise unserer Spezies.

Literaturliste zu Ego State Therapie, Voice Dialogue, Trauma, Traumatisierung, Inneres Team, innere Stimmen, inneres Kind, Selbst-Anteile und strukturelle Dissoziation