Warum wir glauben, was wir wollen

Coronavirus vergrößert

Die Zahl der weltweiten Coronainfektionen steigt rapide an; teilweise noch immer, teils wieder. Am heutigen Tag meldet das Robert-Koch-Institut fast tausend Neuinfektionen in Deutschland, nachdem wir wochenlang im Bereich von unter 300 waren. Gleichzeitig gehen Zehntausende auf die Straße und demonstrieren für die Abschaffung aller coronabedingter Einschränkungen.

Das Spektrum aller Vorwürfe gegen die in Deutschland veranlassten Schutzmaßnahmen reicht über staatliche Inkompetenz, Willkür oder Diktatur bis hin zu Verschwörungstheorien, in denen ausländische Regierungen, die Pharmaindustrie oder andere diffuse Mächte die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, überhöhten, um Macht und Kontrolle über die Bevölkerung ausüben zu können.

Wie ist das möglich? Weshalb gibt es trotz der eindeutigen Faktenlage und Erfahrungswerten wie aus Spanien, den USA oder Schweden immer mehr Menschen, die sich weigern, an die Informationen aus Wissenschaft und Politik zu glauben?

Obwohl die Qualität und Professionalität von Wissenschaften, Regierungsarbeit und Presse in diesem Land sicherlich auf einem hohen Niveau ist, scheint sich das nicht für alle Menschen auf ihre Glaubwürdigkeit auszuwirken. Im internationalen Vergleich werden in Deutschland keine Journalisten eingesperrt, Korruptionsverdachtsmomente werden immer wieder sichtbar und können geahndet werden, die Wissenschaft kann weitgehend unabhängig arbeiten. Dennoch entziehen sich viele Menschen, wenn auch lange nicht die Mehrheit, vernunftgeleiteten Argumenten und lehnen die überschaubaren Forderungen im sozialen Umgang (Maske, Abstand) schlichtweg ab. Gerade, dass die meisten angesehenen Journalisten einer Meinung sind, macht sie verdächtig. Ein unwiderlegbarer Gedanke aus dem Formenkreis der paranoiden Ängste.

Ein Argument, das man immer wieder hört, als ob wir noch immer ganz am Anfang der  Coronakrise stünden, ist die Feststellung, bei einem gesunden Immunsystem könne einem das Virus nichts anhaben. Das sei ja nur wie eine kleine Grippe. Ja, soweit waren wir schon. Vielleicht kann man das sogar so pauschal gelten lassen. Aber darum geht es doch gar nicht. Es geht doch hier nicht um mich selbst. Um meine Gesundheit. Um meine Sicherheit. Nein, es geht darum, die Anzahl der Infektionen gering zu halten, damit das Virus nicht diejenigen Menschen erreicht, die eben kein so gutes Immunsystem haben wie ich.

Wenn ich also in Kauf nehme, mich anzustecken, nehme ich nicht nur mein eigenes, wahrscheinlich nur geringfügiges Leid in Kauf, sondern auch das Leid anderer, die durch mich und meine Nachlässigkeit infiziert werden. Und hier haben wir ein vitales psychologisches Motiv für den Realitätsverlust der Coronaleugner aufgespürt: Es geht um innere Schuldabwehr. Das unbewusste Schuldgefühl und vielleicht auch Scham ist es, was Menschen so aggressiv und laut und renitent werden lässt. Die in den letzten Wochen so betont, so aufgesetzt lässig und risikofreudig durch die Straßen gehen, schlagfertig gegen alle Bedenken und Einwände anbrüllend.

Ehrlich wäre es hier zu sagen „Jawohl, ich nehme es nun mal in Kauf, dass Schwächere und deren Angehörige den Preis für meine Freiheit zahlen müssen.“ Das wäre reflektiert und würde der Verantwortungsfähigkeit eines geistig Erwachsenen entsprechen. Man würde sich gewissermaßen auf das darwinistische Recht des Stärkeren berufen: Survival oft he fittest – so ist das Leben halt. Und dann auch zu dem eigenen „asozialen“ Verhalten stehen müssen.

Stattdessen werden ganz einfach Fakten abgestritten und die Situation verdreht. Aus Selbstschutz inszeniere ich mich vorsorglich selbst zum Opfer von Medien, Politikern und anderen bösen Instanzen, anstatt als Täter identifiziert zu werden. Um von den Motiven meines Handelns abzulenken, zeige ich mit dem Finger auf andere: In diesem Fall auf diejenigen, die gemeinschaftlich mit dem Coronaproblem umgehen müssen und wollen.

Das ist ungerecht, aber menschlich. Das Tröstliche und Ausgleichende ist ja: Für die große Mehrheit ist es eine Selbstverständlichkeit, die eigene Bewegungsfreiheit für eine Zeitlang einzuschränken, um Schwächere zu schonen, um Leben zu schützen. Jede Maske ist ein stolzes Plädoyer fürs ‚Wir‘. So und nicht anders leben wir als Gesellschaft die zivile Solidargemeinschaft.