Gesetzlich versichert, aber private Psychotherapie

Junge gepflegte Dame, die trotz gesetzlicher Versicherung für eine private Psychotherapie entscheidet.

Ich bin tätig als Heilpraktikerin für Psychotherapie, habe also trotz fehlender Kassenzulassung (Approbation) die Berufserlaubnis vom Gesundheitsamt und kann ergo nur privat mit meinen Klienten abrechnen. Die meisten gesetzlich Versicherten, die sich bei mir vorstellen, haben natürlich im Vorfeld nach einer kassenfinanzierten Therapiemöglichkeit gesucht. Und aufgegeben, da es auch in Berlin offenbar im Verhältnis zum Bedarf zu wenige „Psychologische“ oder „Ärztliche Psychotherapeuten“ gibt. Und sie nicht mehrere Monate auf einen Therapieplatz warten wollen oder können.

Das Recht auf Behandlung?

Auch wenn ich selbst von dieser „Markt“situation profitiere, muss ich sagen, dass es mir immer leid tut, verzweifelten Menschen, die mich anrufen, absagen zu müssen. Weil sich viele eben keine 80 Euro pro wöchentliche Sitzung leisten können.

Allerdings kommen auch Klienten zu mir, die mit den approbierten Kollegen nicht zurechtkamen und mich aus persönlichen Gründen auswählen. Oder weil meine Praxis in der Nähe ihres Wohnortes liegt. Oder die auf Empfehlung kommen. Oder Privatversicherte, die 80 Prozent erstattet bekommen und sofort anfangen dürfen. Oder Paare, bei denen sich aus dem Paarkonflikt eine Notwendigkeit der Einzelbehandlung herausstellt, deren Kosten beim Finanzamt eingereicht werden können. Oder Menschen, die nicht möchten, dass ihre Behandlungsbedürftigkeit in irgendeiner Akte landet wie Angestellte im Öffentlichen Dienst und BeamtInnen.

Und wer zahlt eigentlich Paartherapie?

Ich persönlich wäre sofort bereit, eine zusätzliche Ausbildung in einem der Richtlinienverfahren zu absolvieren, um besagte Approbation für meine KlientInnen zu erlangen. Aber dieser Weg bleibt mir bislang strikt verwehrt. Denn ich habe nur ein fünfjähriges Nebenfachstudium Psychologie abgeschlossen, eine Magisterarbeit zur so genannten Bibliotherapie verfasst und übe seit fast zehn Jahren täglich Psychotherapie aus. Und das reicht bei weitem nicht aus.

Der Aufwand für eine Zulassung als so genannter Psychologischer Psychotherapeut ist horrend: Ein abgeschlossenes Diplom- bzw. Master-Studium des Fachs Psychologie ist Grundvoraussetzung. Kein Bachelor, kein Nebenfachabschluss, keine praktische Berufserfahrung kann dies ersetzen. Plus: Dreijährige Vollzeitausbildung an einem der einschlägigen Ausbildungsinstitute. Kostenpunkt bis zu 30.000 Euro, dabei ein Jahr unbezahlte Praktika in Kliniken. Plus: Approbationsverfahren für die Berufserlaubnis. Danach: Suche nach einem freien Praxissitz, die häufig Jahre dauert und am Ende mit Zahlung eines Abstandes in fünfstelliger Höhe an den bisherigen Praxisinhaber verbunden ist.

Therapie für Therapeutenausbildung

Psychologiestudenten und Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) setzen sich zunehmend in Social-Media-Gruppen und persönlich für die Verbesserung der schwierigen Lage ein und schätzen auch die neuen Reformierungsansätze der Bundesregierung aus Februar 2019 als nicht zielführend ein.

Berufsverbände loben demgegenüber aber beispielsweise die Entscheidung, dass es ab 2020 an deutschen Hochschulen einen neuen eigenständigen Studiengang Psychotherapie geben soll.

Alles hat Vor- und Nachteile

Das Erlangen einer Abrechnungsmöglichkeit bei den gesetzlichen Krankenversicherungen ist also ein kostspieliger Kraftaufwand, den sich die meisten Normalsterblichen finanziell oder zeitlich nicht leisten können. Das erklärt widerum, dass es bezogen auf die Nachfrage zu wenige „Kassentherapeuten“ gibt, bei denen die Therapie ohne Wenn und Aber durch die Krankenversicherung gedeckt ist. Daraus resultiert widerum die Notwendigkeit der Heilpraktiker, bei denen man wenigstens zeitnah eine Psychotherapie oder professionelle psychologische Beratung beginnen kann, wenn auch auf eigene Kosten.

Ergänzung statt Gegensatz

Ärgerlich ist es dann, wenn die Qualifikation der Berufsgruppe der Heilpraktiker für Psychotherapie herablassend oder kritisch bewertet wird. In der benachbarten Disziplin der Medizin wird schon immer wesentlich stärker unterschieden zwischen den wissenschaftlich tätigen Ärzten und den Praktikern, die jeweils auf ihrem Gebiet herausragende Arbeit leisten.

Unsere Gesellschaft braucht psychologische Unterstützung mehr denn je. Jeder Ansatz, der heilt, hat recht. Ohne die Anlaufstellen der Heilpraktikerpraxen würde viel mehr Frust, Elend, Angst und Aggression unbehandelt auf der Straße bleiben.