Nichts gegen Gegenübertragung in der Paartherapie

Paartherapie
Gegenübertragung in der Paartherapie

Die Gegenübertragung

Oft stellen wir uns im Leben die Frage, warum sich zwischenmenschlich bei uns ständig dieselben Dinge abspielen. Weshalb der/die andere „es“ schon wieder tut oder lässt. Wieso ich mich schon wieder so ärgerlich, ängstlich oder deprimiert fühle. Warum wir so festgefahren sind und einfach nicht rauskommen aus unserer „Beziehungsfalle“.

Gerade in der Paartherapie ist da ein Phänomen interessant und nützlich, welches Freud als so genannte Übertragung bzw. Gegenübertragung entdeckt und definiert hat. Die Gegenübertragung sei „Der Einfluss des Patienten auf das unbewusste Fühlen des Arztes“ (Sigmund Freud: „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie“, Kleine Schriften II, 1910, Kapitel 43).

Die unwillkürlich stattfindende Gegenübertragung bringt mich als Therapeutin auf die Spur, wie sich wohl auch andere Menschen in der Gegenwart von Frau X oder Herrn Y fühlen mögen. Wie man sich eben mit meinem Klienten fühlt, weil er oder sie anderen unbewusst eine gewisse Erwartungshaltung entgegenbringt. Oder individuell gemachte Erfahrungen und die daraus entstehenden Gedanken und Gefühle auf alle anderen Menschen überträgt. Auf diese Übertragung reagiere ich als Therapeut und als Mensch mit einer Gegenübertragung, d.h. ich produziere auf diesen Auslöser meinerseits Gedanken, Gefühle und teils auch Verhalten.

Die Welt in deinen Augen

Eine Übertragung ist das, was ich vielen anderen Menschen tendenziell an Eigenschaften, Gedanken und Gefühlen unterstelle, die ich zumeist bei Vater oder Mutter kennengelernt habe. Ich übertrage also etwa meine Erfahrungen mit einer Bezugsperson aus der Vergangenheit auf andere Personen in meinem späteren, erwachsenen Umfeld. Beispielsweise auf Partner, Nachbarn, Arbeitskollegin …. Man kann sich vorstellen, dass dieser Vorgang alleine Beziehungen schon sehr erschweren oder irritieren kann, obwohl er bei uns allen passiert, ob wir es wollen oder nicht. Mein Vater hat viel gelogen, also bringe ich meinem Ehemann oft Misstrauen entgegen, obwohl der in Wirklichkeit vorbildlich kaum lügt und sich nun ungerecht behandelt fühlt. Na toll! Zeit für einen Termin bei der Paarberatung, wie?

Dort wird dann das Grundgefühl von Misstrauen selbstverständlich und therapeutisch wertvoll zusätzlich noch auf die Therapeutin übertragen. Frau Y denkt: „Sind Sie eigentlich wirklich unparteiisch, Frau Brunner, oder halten Sie insgeheim zu meinem Mann?“ Ich spüre diesen Zweifel natürlich. Wie fühlt man sich, wenn einem nicht getraut wird? Man fühlt sich ungerecht behandelt!

Im zivilen Leben würde ich innerlich auf Abstand gehen, weil ich Frau Ys Misstrauen als Vorwurf oder Kränkung wahrnehme oder mich ertappt fühle, und gleichzeitig sagen „Aber nein, Frau Y, niemals!“. Ich würde sie also anlügen und damit bei Frau Y genau die Glaubens- und Erfahrungsmuster bestätigen und verstärken, weswegen Übertragung und reaktive Gegenübertragung stattgefunden haben.

Als Therapeutin dagegen, in der Paartherapie oder in Einzelsitzungen, bemerke ich hoffentlich meinen Impuls der Gegenübertragung und werte ihn aus. Ich verstehe jetzt, wie sich Herr X wahrscheinlich fühlt. Ich kann das Gespräch zwischen den beiden so lenken, dass sie anfangen, genau darüber zu sprechen. Dass sie beginnen, diese Dynamik der gegenseitigen Wahrnehmungsverzerrung als roten Faden in ihren Beziehungskonflikten auszumachen. Dass sie sich darüber unterhalten können, was sie beide regelmäßig ergreift, unerfreulicherweise, ohne sich gegenseitig Schuld zuzuweisen oder zum tausendsten Male Recht haben zu wollen.

Bauchgefühl kann trügen

Die Gefahr liegt jetzt aber in folgender zufälliger Konstellation: Wenn ich als Therapeutin nicht wirklich „neutral“ gegenübertrage. Sondern vielleicht ein eigenes, persönliches Thema mit Misstrauen habe, welches man mir entgegenbringt. Vielleicht reagiere ich persönlich wütend auf so etwas. Und ich unterstelle nun Herrn X oder lege ihm nahe, dass der ganz schön wütend auf seine Frau sein muss, obwohl er, anders als ich, eher traurig wird! Schwupps, da sind die Pferde mit mir durchgegangen und ich habe übersehen, dass die Problematik etwas Eigenes in mir anspricht. Das will ich tunlichst aus der Behandlung raushalten.

Auch Therapeuten erleben in Mustern

Diese Unterscheidung zu treffen und im Auge zu behalten, ist die Kunst. Oft hilft es auch, genau dieses mit den Klienten zu besprechen, das heißt die eigenen  Impulse auf das Mitgebrachte offen und wertneutral zu äußern und zur Diskussion zu stellen. „An der Stelle von Herrn X wäre ich jetzt wahrscheinlich sehr verärgert. Geht es Ihnen, Herr X, ähnlich oder empfinden Sie etwas anderes? Erleben Sie, Frau Y, dass Herr X ärgerlich über Ihr Misstrauen ist oder geht er bisher anders damit um?“

Im Laufe der Therapie wird Frau Y feststellen, dass sie von der Therapeutin und wohl auch von Ihrem Gatten sehr wahrscheinlich nicht angelogen wird. Und dass ihre innere Haltung Beziehungen je nachdem zum Schlechten, aber auch zum Guten beeinflussen kann. Sie kann sich ihre automatisierten Muster bewusst machen und so besser mit ihnen umgehen. Sie kann neue Vorstellungen über die Therapeutin und neue Vorstellungen über den Ehemann entwickeln. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Prägungen wird ihr Bild vom Menschen ganz allgemein ein Stück weit verändern. In ihrem Falle dann in Richtung mehr Vertrauenswürdigkeit.

Der Bewusstwerdungsprozess in der Paartherapie

Es gelingt zunehmend, der alten Erfahrung und daraus resultierenden Befürchtungen eine gute neue Erfahrung hinzuzufügen und das Vaterbild von dem Bild anderer Personen zu trennen. Wenn die Therapie gelingt, dann hat Frau Y nicht mehr so oft das Gefühl, von anderen Menschen hintergangen zu werden. Sie kann jetzt besser unterscheiden, ob sie wirklich einer weniger vertrauenswürdigen Person gegenübersteht. Oder ob sie nur, je nach Tagesform und um gewissermaßen aufs Schlimmste vorbereitet zu sein, vorsorglich Erfahrungen überträgt, die in keinem Zusammenhang mit dieser neuen, anderen Beziehung stehen. Wenn Übertragungs- und Gegenübertragungssituationen in der Therapie verstanden werden, gelingt es dem Patienten meist, sich freier zu bewegen. Auch, sich angemessener zu verhalten und Beziehungen stabiler zu gestalten, da sie nun auf dem Boden von Tatsachen gründen.

Nicht zu verwechseln ist die Übertragung übrigens mit der Projektion. Bei der Projektion nämlich unterstellen wir keine fremden Persönlichkeitseigenschaften, sondern eigene Gedanken und Gefühle. In Wirklichkeit bin ich selbst wütend, erlebe die Welt aber immer so, als seien alle anderen aggressiv. Meine subjektive Wahrnehmung eines Umfelds spiegelt also meine eigenen Befindlichkeiten und Kernprobleme wieder und gibt in der Therapie wertvolle Hinweise auf verdrängte und verleugnete Gefühlswelten. Mehr dazu im nächsten Beitrag.

Gegenübertragung
Auch in der Paartherapie gibt es Gegenübertragung