Die Projektion im psychotherapeutischen Prozess

Bestimmt hat jeder schon mal gehört, dass unser Umfeld auf die ein oder andere Weise ein Spiegel für uns sein kann. Genauer gesagt, sind es die Menschen und deren Verhalten. In ihnen spiegele ich unwillkürlich meine eigenen Gefühlswelten, indem ich Eigenes projiziere und anderen unterstelle, ohne es zu merken. Ich empfinde dann die Kassiererin als schnippisch, meine Kollegin als neidisch oder meinen Gatten als desinteressiert. Wenn das permanent vorkommt, handelt es sich vermutlich um Projektion.

Dieser Vorgang kann sich so verdichten, dass mich diese unterstellten Befindlichkeiten förmlich aus jeder Ecke anspringen. Eine bestimmte, nämlich die für mich typische emotionale Gegenreaktion drängt sich mir dann geradezu auf.

Immer sinds die anderen …

Wenn ich in einer Sitzung mit einem Paar oder einer Einzelperson das Gefühl habe, dass die beschriebenen und unterstellten Eigenschaften anderer so das gewisse Etwas haben, mache ich einen Test auf Projektion. Ich frage meine Klienten dann, ob sie sich nicht selbst auch manchmal sehr gekränkt, neidisch oder gelangweilt fühlen.

Die Reaktion auf diese Frage spricht Bände. Meist wird mit untertellergroßen Augen abgestritten, dass man selbst ein solches – unpopuläres und verachtungswürdiges – Gefühl verspüre. Da ich zu diesem Zeitpunkt ja aber schon einiges aus der Lebensgeschichte meines Klienten kenne, verdichtet sich mein Verdacht. Ich teile dann, ganz liebevoll, meine Einschätzung mit. Dass ich es nämlich eigentlich für passend und angemessen hielte, wenn meine Klientin genau das fühlen würde, nach den gemachten Erfahrungen. Und dass mein Klient womöglich projiziert, aus Schamabwehr.

Jede Emotion ein Kind von mir

Wichtig ist es für mich, dabei ganz klar zu machen: Erstens macht ein empfundenes Gefühl keinen Menschen für mich unsympathisch. Zweitens schockiert mich die Existenz des verachteten Gefühls überhaupt nicht.  Gedanken und Gefühle, auch lästige, können wir ja nicht einfach abschalten oder „in den Griff bekommen“, wie manche Therapeuten versprechen. Andererseits bleibt ein Gefühl nur ein Gefühl, und Gefühle allein haben nicht die Macht, irgendetwas in der Welt zu ändern. Sondern eben nur unser Verhalten, das unter Umständen unreflektiert und unbewusst von Gefühlen angestoßen wird. Und sie kompensieren, also sofort unterbinden soll.

Absolution, Wohlwollen und Ermutigung

Viele Klienten empfinden meinen Umgang mit diesem schon lange verheimlichten und gehassten Anteil als Befreiung. Sie werden, entgegen ihrer bewussten oder unbewussten Befürchtungen, nicht für diesen inneren Anteil verurteilt. Sie machen sich klar, dass nur Verhalten geändert werden kann. Und dass sie keine Schuld tragen an ihren Empfindungen. Das ändert ihre Welt und ihr Selbstbild meist unmittelbar.

In den Spiegel sehen

Jetzt ist es plötzlich möglich, sich mit sich selbst, mit dem inneren Schauplatz zu beschäftigen. Man muss nicht mehr im Außen den eigenen, ungeliebten Anteil erfolglos bekämpfen. Jetzt kann ich in die Höhle des Löwen gehen und feststellen: Ja, ich bin ganz häufig neidisch. Und ich finde es furchtbar. Ich schäme mich so dafür. Ich fühle mich schuldig, denn meine Kollegin ist immer nett. Zumeist verstelle ich mich und zerstöre so meine Beziehungen im Versuch, sie zu sichern, indem ich diese vermeintlich inakzeptablen Seiten von mir verdecke.

Das war früher mal!

Nach der Reintegration, also Wiederaufnahme des verdrängten oder gar abgespaltenen Anteils kann der Klient zu einem normalen Verhältnis zu dem problematischen inneren „Player“ finden. Ich muss nicht stolz sein auf diese oder jene Allüre, aber sie gehört eben dazu. Sie ist im Laufe meiner Entwicklung gewachsen, in einem notwendigen Anpassungsprozess. Die Menschen, die mich lieben, kennen meine Schrullen ohnehin schon lange und finden sie gar nicht so bedeutend oder schlimm, wie ich insgeheim immer dachte. Mit dem Loslassen und dem Beimessen von weniger Aufmerksamkeit schrumpft die Wahrnehmung meiner vermeintlichen Mängel und Fehler auf ein angemessenes Maß. Mein Selbstwertgefühl hingegen darf wachsen und richtet sich auf.

Nobody is perfect

Mit Selbstliebe, Offenheit und Optimismus kann ich mich und meine inneren Anteile hin zu einer realistischen und angemessenen Position ent-wickeln: Meinen Mitmenschen gegenüber, dem Leben und mir selbst gegenüber. Ich empfinde friedlicher und verzeihender und trage so bei zu einer gesünderen Welt.